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Wenn die Schatten wiederkehren

Ihr Leben als Blinde
Aus der Reihe „Bindl-Geschichten“

Sie ist jetzt siebzig. Im Rückblick kann sie Gott und ihren Mitmenschen für ein sehr reiches und zum großen Teil gelungenes Leben danken.

Sie hatte von Geburt an nur ein halbes Prozent Sehvermögen. Das war gerade so viel, dass sie ganz knapp vor im Wege stehenden Hindernissen ausweichen konnte. Es war aber auch so viel, dass sie die Fenster in einem Zimmer sah, deren Lichtquellen zur Orientierung im Raum verhalfen.

Ihre Eltern trugen den schweren Schicksalsschlag, ein blindes Kind zu haben, mit erstaunlicher Tapferkeit. Sie standen mit diesem Problem ganz alleine da. Damals gab es noch keine Frühförderung für blinde  oder anderweitig behinderte Kinder. Ob sie ganz blind war oder einen Sehrest hatte, das wollten die Eltern immer wieder ergründen. Sie erinnert sich noch, dass ihr Vater sie einmal fragte: „Weißt Du eigentlich, wenn es Tag ist und wenn es Nacht ist“? „Ja, natürlich“, sagte sie. „Wie weißt Du das“? „Bei Tag bin ich auf und angezogen und bei Nacht liege ich im Bett“, war die Antwort. Der Begriff, bei Tag ist es hell, bei Nacht ist es dunkel, kam ihr überhaupt nicht in den Sinn. Sie wusste nicht, dass sich ihr Leben vom Leben anderer Menschen unterschied. Dazu war sie noch viel zu klein.

Mit ihrem vier Jahre älteren Bruder konnte sie herrlich spielen. Sie plapperte den ganzen Tag. Sie hüpfte und hüpfte im Haus herum. Sie lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das die Erwachsenen mit einander sprachen, und ihre Finger waren überall. Sie zog sich Verletzungen zu mit Rasierklingen, mit Messern, mit der Nähmaschine der Mutter, mit der Steckdose, bei vorstehenden Nägeln und beim Einklemmen in Türen, sogar in Eisenbahnwaggons, weil sie ihre Finger beim Zuschlagen der Türe nicht zurück zog. 

Die Mutter brachte ihr bei, wie sie alleine im Dorf zum Bäcker und zum Kaufmann finden konnte. Sie schärfte ihr ein, immer ganz am Zaun entlang zu gehen. Die Wege waren schmal und wenn ein Fuhrwerk kam, packte sie panische Angst. Die Eisenräder auf den Steinen waren sehr laut und sie wusste ja nicht, ob ein Ochse oder ein Pferd nicht zu ihr herüberlaufen wollte. Alle diese Erlebnisse ertrug sie verhältnismäßig leicht. Sie waren nur für den Augenblick belastend. Sie gehörten sozusagen zum Alltag.

Ganz andere Dinge waren es, die Schatten über ihre Kindheit legten. Die Onkel und Tanten, die sie ja gerne mochten, die aber immer wieder fragten, „Schau her, kannst Du meine Finger zählen? Siehst Du, wo das Bier steht auf dem Tisch“? Es fiel ihr bald auf, dass die andern Kinder so dummes Zeug nie gefragt wurden, und warum man immer sie damit belastete, wo sie doch diese Fragen gar nicht lösen konnte. Das waren, so meint sie, ihre ersten schmerzlichen Lebenserfahrungen. Auch wenn sie mit der Mutter auf der Straße ging und die Leute sagten „Mari, isch des dei blinds Mädale? Isch des aber schad. Ja, isch des arg“! Wenn sie dann spürte, wie die Mutter schweigend weiter ging, wäre sie am liebsten mit den Fäusten auf diese dummen Weiber losgegangen. Warum konnte man sie und die Mama nicht in Ruhe lassen! Sie taten doch niemandem etwas! Schon sehr bald in ihrer Kindheit wollte sie nicht mehr gerne mit anderen Leuten zusammentreffen. Ein alter Mann kam täglich am Haus vorbei und rief in den Garten „Wer bin i? Kennsch me“? Dann musste sie sagen „Sie send dr Mangold“. „Siehsch, se kennt me“, sagte er hoch befriedigt und ging weiter. Warum nur diese komischen Spiele?

Ihre Puppen waren ihr doch tausendmal lieber. Und das Spielen mit dem Bruder und mit der Freundin! Da konnte sie ihre Phantasie walten lassen. Alles, was sie gehört hatte, wollte sie spielen. Die Freundin, die ein Jahr jünger war, tat begeistert mit. Das war ein Leben! Sie kannte daheim im Haus und im Garten jeden Winkel. Sie wusste, wo die Schuhcreme stand, wie das Geschirr in den Schrank hinein gehörte. Sie half, wo sie nur konnte. Wenn die Mama zum Einkaufen ging und sie war alleine daheim, holte sie Holz vom Speicher. Einmal fiel sie mit dem vollen Korb die ganze Treppe herunter. Das machte alles nichts. Sie konnte etwas tun, sie war fleißig, und sie wurde gelobt.

Leider gab es schon zur damaligen Zeit in ihrem Heimatdorf einen Kindergarten. Die Eltern sagten: „Sie muss sich an andere Kinder gewöhnen. Wir bringen sie dort hin“. Die fremde Umgebung, die großen Räume schreckten sie sehr, und vor Allem der Lärm! Ungefähr siebzig Kinder waren im Kindergarten. Abgetrennt war nur die Kinderkrippe. Alle anderen lebten auf einem Haufen zusammen.

Wenn sie ihre jüngere Freundin nicht gehabt hätte, sie wäre dort zu Grunde gegangen. Ihre Kindergartenzeit fiel in die Jahre 1937 bis 1941. Die Kindergartentanten waren NSV-Schwestern. Sie waren von der Ideologie des dritten Reiches voll überzeugt.Wie diese Ideologie für Behinderte aussah, war für die Eltern vollkommen unbekannt.

Nie schaffte sie es, selber an die Spielkisten zu gelangen. Alle anderen drängten sie ab. Sie musste immer mit dem spielen, was niemand wollte. Sie hätte weiße Bauklötze gewollt, größere. Nein, die Kleineren lagen nur vor ihr. Wenn die Kinder spazieren gehen durften, nahm man sie nicht mit. Ihre Freundin durfte sie nicht einmal führen. Sie musste im Kindergarten zurück bleiben mit einem Jungen, der nicht laufen konnte. Warum nur, warum nur? Beim Theaterspielen hätte sie alle Texte auswendig gewusst, aber nie durfte sie auch nur die kleinste Rolle spielen. Nur singen durfte sie. Beim Kanon „Wachet auf, es krähte der Hahn“ durfte sie mit der zweiten Gruppe anfangen.

Wo es ging, suchte sie einen Ausweg um selbständig zu sein. Die Kleiderhaken und die Zahnbecher waren mit Bildern versehen. Ihr gehörte die Gießkanne, aber sie sah diese Gießkanne nicht. Sie fand bald heraus, dass der 4. Kleiderhaken der Gießkannenhaken war. Und so ging es auch mit dem Zahnbecher. Die Brotzeittäschchen wurden verteilt. Die Tante hob die Tasche hoch und das betreffende Kind schrie „hier“! natürlich wusste sie nicht, wenn ihre Tasche daran kam. Ihre Freundin schrie „hier“ für sie. „Das geht doch nicht“, sagte sie zu ihr, „Du kannst doch nicht für mich schreien. Das ist doch meine Tasche“. „Aber wie weißt Du, wenn Du schreien musst“? „Am Besten ist, Du gibst mir einen Puff, dann schreie ich. Ich kann selber schreien“. Und so geschah es auch.

Einmal hörte sie, wie eine Tante zu ihrer Mutter sagte: „Die andern haben mich sehr geschimpft, weil ich Ihr Kind in den Kindergarten aufgenommen habe. Sie haben gesagt: Du Schaf, mit so einem Kind ist doch nichts anzufangen“. Die Mutter schwieg wieder einmal. Das Kind dachte: Mit mir ist nichts anzufangen. Was hab ich denn verbrochen?

Ein paar böse Buben gab es, die sie auf die hässlichste Art quälten. Sie legten ihr auf dem Heimweg vom Kindergarten Stöcke in den Weg, setzten Kothaufen ab und führten sie durch. Sie wollten ihr sogar ein Knäckebrot zu essen geben, über das sie vorher uriniert hatten.

Vor Vielem wurde sie von ihrer kleinen Freundin bewahrt, der sie bis zum heutigen Tag ein liebendes, dankbares Andenken bewahrt. Daheim erzählte sie nichts. Sie wollte nur nicht in den Kindergarten. Jeden Tag war es ein Kampf. Sie stieg auf den Holzhaufen in der Meinung, da könne die Mutter sie nicht herunter holen. Sie wollte nicht in den Kindergarten. Manchmal erbarmte sich die Mutter. Manchmal gab sie nach und sie durfte daheim bleiben.

Schön war’s im Kindergarten, wenn der Nikolaus kam und wenn der Adventkranz angezündet wurde und wenn die Tanten Geschichten erzählten. Ganz schrecklich war es, wenn neues Spielzeug verteilt wurde. Da hieß es: Die Hände auf den Rücken. Alle Kinder mussten die Hände hinter dem Rücken falten. Man durfte nichts anfassen, bevor die Erlaubnis nicht gegeben war. Die andern sahen, was verteilt wurde, aber sie, sie wusste es nicht. Sie war so neugierig. Sie plapperte und immer wieder kamen ihre Hände nach vorne. Da gab’s öfter ein paar über die Finger.

Es ist wie ein Wunder, das Elternhaus mit seiner Geborgenheit konnte all diese Schmerzen immer wieder vertreiben. Insgesamt hat sie, wenn sie an ihre frühe Kindheit zurück denkt die Erinnerung an die liebenden Eltern, an den treu sorgenden Bruder, an die Katze Minka und Nelli, den kleinen Rehpinscherhund. Und an ihre drei Puppen, die sie heiß und innig liebte, die sie in jeder freien Minute auf dem Arm herum schleppte.

Dann hieß es auf einmal: Du kommst jetzt bald in die Schule. Du kommst in die Blindenschule nach München. Da kannst Du etwas lernen. Da sind andere blinde Kinder. Mit denen kannst Du zusammensein. „Wann ist das“? „Nächstes Jahr“, sagte die Mutter immer. „Was ist nächstes Jahr“? „Das ist bald“, sagte die Mutter. Dass dieses „Bald“ die Trennung von daheim bedeuten würde, wusste sie nicht. Sie war auch zu klein, um Angst zu haben, dass sich die Erfahrungen, die sie im Kindergarten gemacht hatte, mit andern Kindern wiederholen könnten.

Über die Einschulungszeit soll an anderer Stelle gesprochen werden. Hier geht es nur um die Schatten, die sich in der Kindheit über das Leben der Blinden gelegt hatten.

Im Ganzen gesehen kann gesagt werden, dass das Heimweh in den acht Schuljahren manchmal heftig, immer aber ein wenig nagte. Es kann aber auch gesagt werden, dass es ein wahrer Triumph für sie war, etwas lernen zu dürfen, mittun zu können, zu sein wie die andern Kinder und noch größer war der Triumph, wenn sie heimkam in den Ferien ins Dorf und allen erzählen konnte, wie es in der Stadt ist, in der Blindenschule, im Dom. Plötzlich hörten ihr alle zu. Niemand probierte sie mehr aus. Sie hatte etwas zu erzählen. Es war ihr völlig gleichgültig, ob sie mit Erwachsenen oder mit Kindern sprach. Sie erzählte, erzählte, erzählte!  Jeder wunderte sich, wie wortgewandt sie war. Die Not, keine Bedeutung zu haben, dem Spott ausgeliefert zu sein, war vorbei. Die Schatten aus der frühen Kindheit, aus der Kindergartenzeit, verschwanden.

Als die Schulzeit und die Berufsausbildung abgeschlossen waren, bemühte sich ihre Familie, eine Arbeitsstelle im Heimatdorf für sie zu finden. Sie war Telefonistin, und es gab eine große Uhrenfabrik. Dort wollte man sie unterbringen.

Ein Jahr lebte sie zu Hause ohne Arbeit. Wie glücklich sie als Kind gewesen wäre, wieder bei den Eltern und Geschwistern sein zu können! Nun, als junger Mensch mit 18 Jahren, fühlte sie sich verlassen. Ihre Kameraden waren nicht mehr um sie. Die erste große Liebe war schrecklich gescheitert. Jetzt, ohne ihre blinden Freunde, fühlte sie, wie anders sie war. Jedermann war nett zu ihr, aber was sie wirklich interessierte, wussten sie alle nicht. Sie wussten auch nicht, wie sie lachen konnte und wie gern sie tanzte.

Die Eltern und der Bruder ahnten es vielleicht. Sie zog sich so in sich selbst zurück, dass die Mutter Angst hatte, sie könnte krank werden. So kam es, dass man die Stelle in der Uhrenfabrik nach einem Jahr ablehnte und dass sie wieder zurück zu den Blinden ging.

Jetzt war sie im Beruf. Sie wurde Handarbeitslehrerin an der Blindenschule. Sie half in der Blindenschule bei der Pflege der älteren Bewohner. Sie war überall. Sie lebte glücklich und zufrieden. Geld hatte sie nicht viel, aber das spielte überhaupt keine Rolle. Damals hatte niemand viel Geld.

Dann wurde die Blindenschule aufgelöst. Alle mussten gehen. Sie lernte zusammen mit einem blinden Lehrerkollegen den Masseurberuf. Selbständig wollten sie sich machen. Wo sie nach Arbeit fragten, hatte man ihnen bedeutet, man sei kein Wohlfahrtsamt, man könne Blinde nicht aufnehmen.

Selbständig sein, das war es! Wieder halfen ihre Eltern und ihre Geschwister nach Kräften. Und der Erfolg stellte sich ein. Sie hatten ein eigenes Geschäft. Die Kunden waren zufrieden. Sie hatten eine Überfülle an Arbeit. Sie kauften Häuser. Sogar ein Hotel Garni gründeten sie und bauten es zusammen auf. Sie stellten Personal ein, das alle Arbeiten übernahm, die sie selber nicht leisten konnten. Das Blindsein war kein Problem für sie. Sie waren wie alle Menschen. Sie waren voll integriert. Jeder begegnete ihnen mit Achtung und Freundschaft.

Sie hatten nicht vergessen, wie sehr blinde Menschen leiden, wenn sie keine Arbeit haben, wenn sie keinen Erfolg im Leben verspüren, wenn sie ganz ohne ihresgleichen leben müssen.

Sie wollten ein Blindenheim bauen für die, die im Leben nicht so erfolgreich sein konnten. 20 Jahre lang versuchten sie alles, diesen Plan zu verwirklichen. Es wollte nicht gelingen. Bis ihr Kollege am Leberkrebs erkrankte. Er sagte: „Da ich nun bald sterben muss, ist es dringend notwendig, dass wir einen Verein gründen. Nur so kannst Du das Blindenheim verwirklichen“. Und so geschah es auch.

Fünf Jahre nach seinem Tod wurde das neue Haus, das seinen Namen trägt, eröffnet.

Nun ist sie siebzig. Und sie spürt mit leisem Schauern, dass die Schatten wiederkehren. Die Schatten aus der Kindheit und Jugend. Das Hilflossein, das Ausgesetztsein. Jeder Mensch empfindet die Furcht vor den Altersschatten, die sich über sein Leben ausbreiten können. Und wer wie ein blinder Mensch die Schatten im eigenen Leben schon als Kind kennengelernt hat, fürchtet das Wiederkehrende nicht nur, er kennt es bereits. Und er hofft, dass er durch seine Kindheitserfahrungen tragfähiger sein wird.

Sie weiß, dass die Schatten am Lebensmorgen kurz und klein sind und dass die vom Elternhaus leicht aufgefangen werden konnten. Die Schatten am Lebensabend werden lang sein, wie Abendschatten eben sind. Sie braucht das große Vaterhaus, um Trost und Kraft zu finden, bis nach einer kurzen Nacht der endgültige große Lichttag anbricht, der keine Schatten kennt.